Äthiopien

Salo­mon und die Köni­gin von Saba. Welt­chro­nik des Rudolf von Ems, 14. Jh. — pho­to: com­mons

Wo fängt man an, wenn man Äthio­pi­en vor­stel­len möch­te? Am bes­ten wohl vor etwa 3000 Jah­ren: die Köni­gin von Saba hat­te von der Weis­heit des Königs Salo­mon gehört und beschloss, ihn in Jeru­sa­lem zu besu­chen. Sie war beein­druckt, er offen­sicht­lich auch. Man kam sich jeden­falls näher [1] und so wur­de der gemein­sa­me Sohn Men­e­lik auf der Rück­rei­se gebo­ren. Man weiß bis heu­te nicht, wo Saba genau lag – ob im heu­ti­gen Yemen oder im heu­ti­gen Äthio­pi­en. His­to­risch belegt ist jeden­falls, dass zwi­schen die­sen bei­den Regio­nen ein reger Aus­tausch statt­fand – bei­des ist also denk­bar. Men­e­lik wuchs am Hofe sei­ner Mut­ter auf und sobald er erwach­sen war, woll­te er mehr über sei­nen Vater wis­sen und mach­te sich daher auf nach Jeru­sa­lem. Die Legen­de sagt, dass er sei­nem Vater Salo­mon sehr ähn­lich sah, dass die­ser ihn ger­ne auf den Thron Isra­els gesetzt hät­te, dass Men­e­lik aber statt des­sen lie­ber die Regent­schaft in Saba antre­ten woll­te und daher zurück­kehr­te. Der Legen­de nach wur­de er von zahl­rei­chen Söh­nen der Noblen beglei­tet und nahm die Bun­des­la­de mit nach Äthio­pi­en. Men­e­lik gilt als der Stamm­va­ter der Kai­ser des Hau­ses David in Äthio­pi­en, deren letz­ter Ver­tre­ter Kai­ser Hai­le Sel­as­sie  1974 in einem blu­ti­gen Mili­tär­putsch gestürzt wur­de und 1975 unter dubio­sen Umstän­den zu Tode kam.

Kai­ser Hai­le Sel­as­si — Dar­stel­lung in der Kup­pel der Drei­fal­tig­keits­kir­che. Pho­to: LCTours

Eine Rei­se nach Äthio­pi­en beginnt und endet in Addis Abe­ba, das erst seit den 80er Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts Haupt­stadt des ver­ein­ten Äthio­pi­en wur­de. Damals ver­ei­nig­te Men­e­lik II. die regio­na­len König­rei­che, rief sich zum Negu­se Negest (dem König der Köni­ge) aus und errich­te­te auf dem Berg Ent­o­to ober­halb von Addis Abe­ba eine beschei­de­ne Resi­denz und meh­re­re Kirchen.Die Eini­gung Äthio­pi­ens erwies sich wenig spä­ter als ent­schei­dend, als 1896 die Ita­lie­ner ver­such­ten, sich Äthio­pi­en als Kolo­nie ein­zu­ver­lei­ben. Dies konn­te in der Schlacht von Adua ver­hin­dert wer­den[2]. Äthio­pi­en blieb so das ein­zi­ge Land Afri­kas, das nie Kolo­nie war. Und eine beson­de­re Rol­le nach der Deko­lo­nia­li­sie­rung Afri­kas spiel­te: auf Äthio­pi­ens Initia­ti­ve hin wur­de die Orga­ni­sa­ti­on für Afri­ka­ni­sche Ein­heit (OAU, heu­te Afri­ka­ni­sche Uni­on) gegrün­det, die noch heu­te ihren Sitz in Addis Abe­ba hat.Und auch in der Block­frei­en Bewe­gung spiel­te Äthio­pi­en von Anfang an eine wich­ti­ge Rol­le. Dass Äthio­pi­en eine sehr unab­hän­gi­ge Rol­le spiel­te, zeigt sich auch dar­an, dass Kai­ser Hai­le Sel­as­sie 1954 der ers­te offi­zi­el­le Staats­be­su­cher der noch jun­gen Bun­des­re­pu­blik war.

Reli­giö­ses Zen­trum Addis Abe­bas ist dieDrei­fal­tig­keits­kir­che, in der auch der Sar­ko­phag des Kai­sers Hai­le Sel­as­sie steht. Äthio­pi­en ist in gro­ßen Tei­len ein christ­li­ches Land mit einer aller­dings recht gro­ßen mus­li­mi­schen Min­der­heit meist im Osten und Süden des Lan­des. Im 4. Jahr­hun­dert waren die Brü­der Fru­men­ti­us und Aede­si­us als Skla­ven an den Königs­hof von Aks­um gekom­men, wur­den Haus­leh­rer des Kron­prin­zen Eze­na und konn­ten ihn nach der Krö­nung zum Chris­ten­tum bekeh­ren, das Staats­re­li­gi­on wur­de. Über Jahr­hun­der­te war die äthio­pi­sche Kir­che abhän­gig vom kop­ti­schen Patri­ar­chen in Alex­an­dria,  erst 1950 wur­de sie in die Autoke­pha­lie ent­las­sen und nennt sich heu­te Äthio­pisch-Ortho­do­xe Teha­we­do („Ein­heits“) Kir­che unter Patri­arch Abu­ne Mathi­as. Wie die kop­ti­sche und die alt­ori­en­ta­li­schen Kir­chen spielt das Mönch­tum eine wich­ti­ge Rol­le. Auch der Tages­ver­lauf zumin­dest im nörd­li­chen Äthio­pi­en ist stark christ­lich geprägt: mit Got­tes­diens­ten, Fest- und Fas­ten­zei­ten – einem uns nahe­ste­hen­den Selbst­ver­ständ­nis. Auch dadurch ist Äthio­pi­en ein ein­zig­ar­ti­ges Land in Afri­ka.

Lucy im Natio­nal­mu­se­um — pho­to: LCTours

In Äthio­pi­en liegt die Wie­ge der Mensch­heit. Im Natio­nal­mu­se­um begeg­net man Lucy, die vor etwa 3,2 Mil­lio­nen Jah­ren in Afar gelebt hat und 1974 dort ent­deckt wur­de – eine Aus­tra­lo­pi­the­ca afa­ren­sis, mit 1,07 m rela­tiv klein, aber wohl bereits auf­recht gehend. Um sie her­um eine beacht­li­che Zahl wei­te­rer Homi­ni­den-Fun­de, die die Ent­wick­lung zum heu­ti­gen Homo Sapi­ens ein­drucks­voll bele­gen. Einen Ein­druck von der­ar­ti­gen Gra­bun­gen lässt sich am Fund­ort Mel­ka Kon­tou­re, süd­west­lich von Addis Abe­ba, gewinnen.Hier wur­den Sied­lungs­spu­ren des Homo Erec­tus (ca. 1,35 Mio Jah­re) aus­ge­gra­ben. Ein aus­ge­gra­be­ner Lager­platz zeigt, wie schwie­rig es ist, Arte­fak­te aus die­se Zeit vom Unter­grund zu unter­schei­den. In einem klei­nen Muse­um in tra­di­tio­nel­len Rund­hüt­ten wird die Geschich­te der Mensch­heit mit Fun­den und Tafeln erläu­tert.

Mäd­chen am Ent­o­to ver­kauft hand­ge­fer­tig­te Sou­ve­nirs — Pho­to: LCTours

Äthio­pi­en ist ein Land der Regio­nen und Eth­ni­en: 80 ver­schie­de­ne Eth­ni­en soll es bei ca. 105 Mio Ein­woh­nern geben, mit jeweils eige­ner Spra­che, eige­ner Schrift, eige­nen Tra­di­tio­nen. Ein poten­ti­el­les Pul­ver­fass, ach­ten doch die Eth­ni­en streng dar­auf, nicht zu kurz zu kom­men –oder nichts an Ein­fluss zu ver­lie­ren. Auf­fäl­lig beim Rei­sen durch das Land: im Nor­den wer­den wir zu kom­plet­ten Analpha­be­ten, denn nicht nur die Spra­che (wie die Amts­spra­che Amha­risch) sind anders, auch die Schrift. Die größ­te Bevöl­ke­rungs­grup­pe der Oro­mo (rund um Addis Abe­ba) kann ihre Spra­che mit gedehn­ten Lau­ten nicht mit dem amha­ri­schen Alpha­bet aus­drü­cken, sie ver­wen­den daher latei­ni­sche Buch­sta­ben. Der Nor­den mit Amha­ra und dem an den Nach­barn und Kriegs­geg­ner Eri­threa gele­ge­nen Tigray sind mehr­heit­lich Chris­ten, im Osten und Süden herrscht der Islam vor, im Süden spie­len Natur­re­li­gio­nen nach wie vor eine Rol­le. Das Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl zu för­dern und zu einem ange­mes­se­nen Aus­gleich zu kom­men, wird eine der gro­ßen Auf­ga­ben Äthio­pi­ens sein, will es als Nati­on über­le­ben.

Tra­di­tio­nel­les Schilfboot auf dem Tana­see
Pho­to: LCTours

Der Tana­see im Nord­wes­ten Äthio­pi­ens ist der größ­te See des Lan­des (ca. 3.000 km² — Boden­see: 536 km²), der aller­dings recht flach ist. Ein Habi­tat für die Fau­na der Regi­on: See­ad­ler, Peli­ka­ne – und mit etwas Glück­sieht man Nil­pfer­de. Und ein Rück­zugs­ort für Mön­che und Non­nen. Zahl­rei­che Klös­ter wur­den an sei­nen Ufern und auf sei­nen Inseln gegrün­det. Vie­le sind noch heu­te aktiv. Mit dem Boot geht es zum Azwa Mari­am Klos­ter. Den Anle­ger säu­men zahl­rei­che klei­ne Stän­de, an denen selbst­ge­fer­tig­ter Sil­ber­schmuck und klei­ne Iko­nen auf Zie­gen­per­ga­ment ver­kauft wer­den. In der klei­nen Klos­ter­kir­che weist uns ein jun­ger Dia­kon ein: zahl­rei­che bibli­sche Dar­stel­lun­gen, auf­fal­lend sind die gro­ßen Augen der Dar­ge­stell­ten, eine Beson­der­heit der äthio­pi­schen Iko­no­gra­phie. Fas­zi­nie­rend: die Bil­der sind anders, aber uns doch aus der Bibel ver­traut. Nur die loka­len Hei­li­gen und ihre Vita ken­nen wir nicht. Und die Gui­des sind theo­lo­gisch gut bewan­dert. Ein bei uns weit­ge­hend unbe­kann­tes The­ma: die hei­li­ge Fami­lie hat es auf der Flucht nach Ägyp­ten bis nach Äthio­pi­en ver­schla­gen. Und Jesus hat­te auf der Rei­se eine Art „Nan­ny“ – Salo­me, die die Fami­lie beglei­te­te. Übri­gens: Die Guten wer­den auf den Fres­ken stets per­spek­ti­visch dar­ge­stellt (mit zwei Augen), die Bösen im Pro­fil (mit einem Auge). Tabu ist in allen Kir­chen das Aller­hei­ligs­te, das den Pries­tern vor­be­hal­ten ist.

Kaf­fee­ze­re­mo­nie — Photo:LCTours

Vor der Rund­kir­che sind Kaf­fee­bee­ren zum Trock­nen aus­ge­legt, die auf die­ser bei­na­he dschun­gel­ar­tig bewach­se­nen Halb­in­sel präch­tig gedei­hen. Was liegt näher, als den loka­len Kaf­fee zu ver­kos­ten. Die äthio­pi­sche Kaf­fee­ze­re­mo­nie beginnt mit „rohen“ Boh­nen, die zunächst über einem klei­nen Holz­koh­le­feu­er auf einer klei­nen Pfan­ne gerös­tet wer­den. Geschick ist hier gefragt: am Ende sol­len alle Boh­nen einen gleich­mä­ßig dun­kel­brau­nen Farb­ton anneh­men, aber nicht anbren­nen. Den Anwe­sen­den wird das Resul­tat: duf­ten­de Boh­nen zuge­fä­chelt. Dann wird gemör­sert und mit Was­ser in einem Kera­mik­ge­fäß auf­ge­kocht. Das Resul­tat: ein star­ker, inten­si­ver Kaf­fee, den man etwas süßt. Ein Genuss, den wir uns fort an täg­lich gön­nen wer­den.

Die Fäl­le des Blau­en Nil in Zei­ten von wenig Was­ser. Pho­to: LCTours

Der Abfluss des Tana­sees ist der Blaue Nil, des­sen Ver­lauf wir fol­gen bis zu sei­nen Was­ser­fäl­len. Eine stau­bi­ge, unbe­fes­tig­te Stra­ße. Äthio­pi­en ist ein Land der Fuß­gän­ger – und wohl auch daher erfolg­rei­cher Mara­thon­läu­fer. Die Grund­aus­stat­tung: Shorts, oft Plas­tik­san­da­len, manch­mal auch bar­fuß, T‑Shirt und ein Schal als Kopf­be­de­ckung. Die Son­ne ist inten­siv –wir bewe­gen uns auf 1.800 m! Nicht zu ver­ges­sen: ein Stock, oft über der Schul­ter getra­gen, manch­mal beschla­gen oder für die Bes­ser­ge­stell­ten ein Gewehr oder eine Kalasch­ni­kov. Die „Nebel des Flus­ses“, so der amha­ri­sche Name, sol­len nach den Vic­to­ria­fäl­len die zweit­größ­ten Afri­kas sein. Bei unse­rem Besuch ent­täu­schen sie eher. Man benö­tigt Strom für eine gera­de statt­fin­den­de Beer­di­gung und lei­tet das weni­ge Was­ser daher über das nahe Was­ser­kraft­werk.

Fasil Gheb­bi — Pho­to: LCTours

Am Nor­den­de des Tana­sees liegt Gon­der und in des­sen Zen­trum die Fes­tung Fasil Gheb­bi, UNESCO-Welt­kul­tur­er­be: ein Arran­ge­ment ver­schie­de­ner Paläs­te aus der Blü­te­zeit der Stadt im 17. und 18. Jahr­hun­dert, als sie Haupt­stadt des König­reichs Amha­ra war. Aus der glei­chen Zeit stammt das Bad des Kai­sers Fasi­li­des, in dem all­jähr­lich zum Tim­kat-Fest am 19. Janu­ar die Gläu­bi­gen ihr Tauf­gel­üb­te mit einem Bad im Bas­sin „auf­fri­schen“, übri­gens ein Fest, das in ganz Äthio­pi­en began­gen wird. Äthio­pi­en hat sei­nen eige­nen Kalen­der – das Jahr beginnt am 11. Sep­tem­ber, hat 12 Mona­te à 30 Tage und einen 13. Monat von 5 bis 6 Tagen. Im Moment ist das Jahr 2012.

Die Georgs­kir­che in Lali­be­la — Pho­to: LCTours

Abge­le­gen, mit­ten im Gebir­ge, schwer erreich­bar für die aus dem Osten immer wie­der angrei­fen­den Mus­li­me liegt Lali­be­la. Erbaut wur­den die berühm­ten Fel­sen­kir­chen von dem gleich­na­mi­gen König Lali­be­la im 12./13. Jahr­hun­dert – der Gedan­ke dahin­ter: nach den ver­lo­re­nen Kreuz­zü­gen ein „neu­es Jeru­sa­lem“ zu errich­ten. So gibt es einen Berg Tabor und ein Jor­dan­tal. Dazwi­schen eine beein­dru­cken­de Zahl von Kir­chen, die unter­ir­disch in den Fels getrie­ben wur­den. Ein idea­ler Ort, um die Riten der äthio­pi­schen Kir­che ken­nen­zu­ler­nen. Nur: man muss früh auf­ste­hen dafür, denn die Got­tes­diens­te begin­nen oft um 5 oder 6 Uhr. Da gibt es die ver­schie­de­nen regio­na­len Kreuz­for­men – hier das Lali­be­la-Kreuz – die vol­ler sym­bo­li­scher Bezü­ge sind: Apos­tel, Engel, Maria und Johan­nes. Über­haupt ver­steht man sich in Äthio­pi­en auf Zah­len­mys­tik. Und ähn­lich wie bei den Kop­ten, sind Wun­der und Erschei­nun­gen „nor­mal“. Im Got­tes­dienst wird gestan­den, wobei es wegen der Län­ge Stö­cke gibt, auf die man sich abstüt­zen kann. Weih­rauch gehört dazu und ein für uns etwas mono­ton erschei­nen­der Gesang. Selbst­ver­ständ­lich ver­hüllt man sei­nen Kopf mit einem geeig­ne­ten Schal, den unse­re Gui­des anschei­nend immer mit sich füh­ren. Und: die Kir­chen sind voll. Äthio­pi­er sind ein gläu­bi­ges Volk!

Die Ste­len von Aks­um — Pho­to: LCTours
Pro­zes­si­on der Bun­des­la­de — Pho­to: LCTours

Aks­um in der Pro­vinz Tigray nahe der eri­thräi­schen Gren­ze gilt als die reli­giö­se Haupt­stadt Äthio­pi­ens. Das König­reich Aks­um war zu Beginn des 4. Jh. das zwei­te Land (nach Arme­ni­en), das das Chris­ten­tum zur Staats­re­li­gi­on mach­te. Berühmt sind die Ste­len, Häu­sern mit Türen nach­emp­fun­den, die man als über­gro­ße Grab­stei­ne inter­pre­tiert, die höchs­te (lei­der umge­stürz­te) misst 33 m. Berühmt ist Aks­um aber auch als der Ort, in dem die jüdi­sche Bun­des­la­de auf­be­wahrt sein soll. Auch in Aks­um emp­fiehlt es sich, früh auf­zu­ste­hen, denn dann kann man mit Glück und Pla­nung an der Pro­zes­si­on der Bun­des­la­de rund um die Stadt teil­neh­men. Tau­sen­de von Men­schen mit Fackeln in der Hand beglei­ten die Grup­pe der Pries­ter mit der Bun­des­la­de, mit Gebe­ten und Gesän­gen, beglei­tet von der ein­sai­ti­gen Masin­ko und den in jeder Kir­che ste­hen­den Trom­meln. Ob Men­elek vor 3.000 Jah­ren wirk­lich die Bun­des­la­de hier­her brach­te? Ande­re Theo­rien gehen davon aus, dass Levithen die Bun­des­la­de vor den anrü­cken­den Baby­lo­ni­ern des Nebu­kad­ne­zar aus Jeru­sa­lem in Sicher­heit und schließ­lich nach Aks­um brach­ten. Dafür könn­te ein jüdi­scher Tem­pel auf der ober­ägyp­ti­schen Insel  Ele­phan­ti­ne spre­chen – man wird es nicht klä­ren kön­nen, es bleibt Glau­bens­sa­che. Jeden­falls gibt es eine „seit ewi­gen Zei­ten“ in Äthio­pi­en ansäs­si­ge jüdi­sche Min­der­heit („Falaschen“), von denen die meis­ten wäh­rend der Dik­ta­tur von Men­gis­tu in den 80er Jah­ren nach Isra­el aus­ge­flo­gen wur­den.

Ein Mix äthio­pi­scher Spe­zia­li­tä­ten ange­rich­tet auf einer Inje­ra — Pho­to: LCTours

Die äthio­pi­sche Küche gilt als beson­ders viel­fäl­tig. Wegen der zahl­rei­chen Fas­ten­ta­ge (200 im Jahr!) gibt es vie­le vege­ta­ri­sche Gerich­te. Im Mit­tel­punkt steht meist das Sauer­teig-Brot Inje­ra, das aus dem Mehl der loka­len Zwerg­hir­se Teff her­ge­stellt wird. Es dient sozu­sa­gen als Löf­fel für die Cur­ries, für den gewürz­ten Hüt­ten­kä­se Ayib und für Tibs, geschnet­zel­tes Fleisch. Oft wer­den zwei Vari­an­ten ange­bo­ten: „Spi­cy“ und „nor­mal“. Und wenn Sie es beson­ders exo­tisch mögen: Es gibt soge­nann­te fal­sche Bana­nen, aus denen man auf­wen­dig eine Art Brot her­stellt. Man ist ger­ne in Gesell­schaft, auch ger­ne von einem grö­ße­ren Tel­ler, von dem sich alle mit Inje­ra in der Hand bedie­nen.[3]

Das klei­ne “Muse­um” von Yeha. Pho­to: LCTours

In Yeha, einer vor­christ­li­chen Tem­pel­an­la­ge, kommt man wohl der Köni­gin von Saba am nächs­ten. Hier gräbt sich das Deut­sche Archäo­lo­gi­sch­e­In­sti­tut immer tie­fer in ihre Zeit hin­ein – im Moment ist man im 9. Jahr­hun­dert v. Chr. ange­kom­men. Erhal­ten ist ein ein­drucks­vol­ler Tem­pel und eine wohl könig­li­che Palast­an­la­ge. Der Pries­ter der nahen Kir­che führt durch eine klei­ne Samm­lung von Fun­den und zeigt ger­ne sei­ne bunt aus­ge­mal­ten Kir­chen­bü­cher. Ein klei­nes Muse­um soll bald öff­nen – lei­der haben wir die Aus­grä­ber um einen Tag ver­passt. Es wäre inter­es­sant gewe­sen, Neu­ig­kei­ten zur Köni­gin von Saba aus ers­ter Hand zu erfah­ren …

Auf dem Markt in Yeha — Pho­to: LCTours

Dafür ist in Yeha Markt­tag. Die Aus­wahl an Gewür­zen über­trifft in die­sem klei­nen Markt über­trifft vie­le bekann­te Suqs. Auf­fal­lend ist die Haar­tracht der Frau­en, anhand der man den Fami­li­en­stand erken­nen kann.

Der Auf­stieg zum Klos­ter Debre Demo — Pho­to: LCTours

Klös­ter waren Zufluchts­or­te, Kir­chen wur­den oft in unweg­sa­mem Gelän­der erbaut, um sie zu schüt­zen. Ein beson­ders bered­tes Bei­spiel ist das Klos­ter Debre Demo, auf einem Pla­teau­berg gele­gen, weit abseits von den Sied­lun­gen. Die schrof­fen Fels­wän­de des Bergs sind ein natür­li­cher Schutz des Klos­ters, das im 6. Jahr­hun­dert gegrün­det wur­de und des­sen Kir­che noch weit­ge­hend im Ori­gi­nal erhal­ten ist. Nur Män­ner dür­fen das Klos­ter betre­ten – und auch denen wird es nicht leicht gemacht, muss man doch an einem Tau eine 15 m hohe Fels­wand empor­klet­tern. Glück­li­cher­wei­se gibt es hel­fen­de Hän­de und gute Rat­schlä­ge. Oben ange­kom­men eröff­net sich ein erstaun­lich wei­tes Are­al, das außer der Kir­che eine Viel­zahl klei­ner Hüt­ten auf­weist. 150 Mön­che und 150 Dia­ko­ne sol­len hier oben woh­nen. Der Blick schweift weit in das Gebir­ger und her­um, bevor es auf dem­sel­ben beschwer­li­chen Weg nach unten geht.

Das Gebir­ge von Gher­al­ta — Pho­to: LCTours
Die Kir­che von Yema­ta — Pho­to: LCTours

Die Kir­chen und Klös­ter von Gher­al­ta gel­ten als beson­ders sehens­wert – und schwer zugäng­lich. Das Sand­stein­ge­bir­ge selbst ist schon ein­drucks­voll. Der Auf­stieg ist mühe­voll – teils Berg­wan­dern, teils Klet­tern. Erschwert wird dies dadurch, dass die loka­len Gui­des emp­feh­len, dies bar­fuss zu machen, man habe dann einen bes­se­ren Halt an den senk­rech­ten Par­tien. Und: man soll­te schwin­del­frei sein und genü­gend Gott­ver­trau­en haben. Unvor­stell­bar, dass die Gläu­bi­gen bei Dun­kel­heit mor­gens um Fünf mit Kin­dern auf dem Rücken den Auf­stieg wagen – denn oben steht die Tauf­ka­pel­le der Gemein­de. Man ver­si­chert uns aber glaub­wür­dig, dass hier nie ein Unglück gesche­hen sei, man sei schließ­lich hier oben in beson­de­rer Wei­se in Got­tes Hand. Oben auf dem Sat­tel ange­kom­men sieht man ein fas­zi­nie­ren­des Pan­ora­ma von bei­na­he senk­rech­ten Sand­stein­säu­len. Und wenn man sich dann noch einen schma­len Weg ent­lang han­gelt, kommt man  in ein in die Sand­stein­säu­le ein­ge­ar­bei­te­tes Kirch­lein: Abu­na Yema­ta mit wun­der­schö­nen Aus­ma­lun­gen. Man harrt ger­ne etwas län­ger in der Küh­le und dem Hauch von Weih­rauch aus, ehe es wie­der den­sel­ben Weg hin­un­ter­geht. Ein Aben­teu­er, das man nicht jedem emp­feh­len kann. Aber es gibt ja in der Regi­on so vie­le schön aus­ge­mal­te Kir­chen, die man etwas leich­ter errei­chen kann …

Von dort zur Haupt­stadt von Tigray, Meke­le, ist es nicht mehr weit – und von dort ist es per Flug­zeug nur ein Kat­zen­sprung bis nach Addis Abe­ba. Will man das Land ken­nen­ler­nen, geht es nicht ohne Flug­ver­bin­dun­gen, ist doch Äthio­pi­en etwa drei­mal so groß wie Deutsch­land. Und: wäh­rend die gro­ßen Über­land­stra­ßen inzwi­schen recht gut aus­ge­baut sind, aber auf­grund des Gebir­ges sehr kur­ven­reich und lang­sam zu befah­ren sind, sind die Stra­ßen zu den Dör­fern oft noch unbe­fes­tigt. Unse­re Rei­se führ­te sicher­lich ent­lang noch eher erschlos­se­ner Rou­ten, hier hat­ten alle Dör­fer zumin­dest eine Strom­ver­sor­gung, wenn die­se auch viel­leicht nicht immer so zuver­läs­sig arbei­tet, wie wir das gewöhnt sind. Abseits der Haupt­rou­ten sieht dies anders aus. Hier lau­fen Pro­jek­te der Stif­tung Solar­ener­gie, um die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung in ent­le­ge­nen Regio­nen sicher­zu­stel­len, Pro­jek­te, denen man Erfolg wün­schen möch­te, erhö­hen sie doch die Lebens­qua­li­tät vor Ort und ermög­li­chen sie Men­schen, dort wei­ter­hin zu leben und nicht die Flucht in den so ver­lo­cken­den Nor­den anzu­tre­ten.

Ein Res­u­mé: Äthio­pi­en ist ein inter­es­san­tes Rei­se­ziel, in vie­ler Hin­sicht ein­ma­lig: ein Land in Afri­ka, das anders ist als das Kli­schee, das wir uns von die­sem Kon­ti­nent all­zu oft machen. Ein Land mit 3.000-jähriger Kul­tur (wenn das reicht), mit viel Kul­tur­gut und inter­es­san­ten Tra­di­tio­nen. Zwar kom­men inzwi­schen mehr Tou­ris­ten ins Land, aber deren Zahl ist immer noch über­schau­bar. Und die von uns besuch­ten Hotels sind ordent­lich und sau­ber. Für die­je­ni­gen, die ein beson­de­res Land und sei­ne Leu­te ken­nen­ler­nen wol­len, ein idea­les Rei­se­ziel. Lin­gua & Cul­tu­ra Tours wird im Früh­jahr 2022 eine Rei­se dort­hin anbie­ten.


[1] 1. Buch der Köni­ge[1] (ca. 6. Jh. v. Chr.) und im 2. Buch der Chro­nik[2] (ca. 5. Jh. v. Chr.) und Koran Sure 27.

[2] Unter Mus­so­li­ni besetz­te Ita­li­en von sei­ner Kolo­nie Eri­threa aus 1935 erneut Äthio­pi­en, wobei beim Über­fall Senf­gas zum Ein­satz kann. 1941 wur­den die Ita­lie­ner mit Hil­fe Eng­lands ver­trie­ben (Schlacht von Gon­der). Kai­ser Hai­le Sel­as­sie kehr­te aus dem Exil in Lon­don zurück.

[3] Mehr zu äthio­pi­schem Essen fin­den Sie unter: